GRUNDLAGEN
Die 7 positiven Nebenwirkungen von Ordnung
Wenn man bei sich gründlich Ordnung schafft, zieht das erstaunlich weite Kreise. Hier berichte ich von den umfangreichen positiven Nebenwirkungen, die jeder erwarten kann, der Ordnung angeht und einen Bonus!
Lesezeit: 7 min.
Als ich das erste Mal so richtig gründlich meine Wohnung durchsortiert und ausgemistet hatte, war ich tatsächlich von den zahlreichen positiven Nebenwirkungen überrascht. An manchen Stellen war gar nicht viel passiert, aber der Unterschied zu vorher deutlich zu spüren.
Es hat viele Vorteile, einen bewussten und entschiedenen Umgang mit den Dingen im eigenen Umfeld zu pflegen. Manche fallen gleich auf, andere zeigen sich im Laufe der Zeit.
Wenn es für meine Arbeit als Ordnungsexpertin also einen Beipackzettel gäbe, sehe der Teil mit den Nebenwirkungen so aus:
Häufigkeit: sehr häufig (99 von 100)
1. Jetzt geht es endlich los!
Das ist wahrscheinlich das Wertvollste an der Zusammenarbeit mit mir: Niemand braucht sich nicht mehr selbst aufzuraffen. Die Motivation ist da, wenn ich komme. Chaos-Ecken, deren Anblick tunlichst vermieden wird, Kisten, die lange vor sich hergeschoben wurden: Alles wird endlich angeschaut und bearbeitet. Ich helfe gerne, die nötigen Schritte zu gehen, damit man sich an der Umgebug wieder erfreut. Lust statt Frust.
2. Gesteigerte mentale und physische Gesundheit
Ein Team von Wissenschaftlern um Darby E. Saxbe von der University of Southern California hat den Speichel von Menschen darauf untersucht, welchen Einfluss subjektiv wahrgenommenes Durcheinander im eigenen zu Hause auf den Körper hat. Dabei kam heraus, dass der Anblick von Unerledigtem, von Krimskrams, von Stapeln und Kisten den Cortisol-Wert steigen lässt. Vereinfacht gesagt: Bei anhaltend hohen Werten steigen auch die Entzündungswerte im Körper. Cortisol ist unser Stresshormon. Seine Funktion besteht eigentlich darin, uns für akute Krafteinsätze vorzubereiten.
Jetzt kann unser Zuhause tatsächlich ein Schlachtfeld sein, wo wir mit den Dingen kämpfen, die uns im Wege stehen, uns nerven und stressen. Nur, dass diese Stapel oder Ecken keine angriffslustigen Säbelzahntiger sind, sondern äußerst geduldige, Staub sammelnde Gegenstände, die auch dann noch da sind, wenn wir hunderte Male an ihnen vorbeigegangen sind. Jedes Mal meldet sich das schlechte Gewissen. Es kann durchaus sein, dass dieser Prozess eine Zeit lang unbemerkt bleibt. Oder man saget sich „Ich wollte doch schon lange…“, aber es passierte nichts.
Es passierte schon was, in unserem Körper, mit unserem Stresslevel. Daher kann man Ordnung, wenn sie wieder hergestellt ist, auch physisch wahrnehmen. Es ist diese Leichtigkeit, Ruhe und Entspannung, die mit Ordnung einhergeht. Man kommt nach Hause und kann zur Ruhe kommen, sich erholen, runterfahren. Da »lauert« nichts mehr. Jeder Anblick ist eine Freude oder man weiß zumindest, dass jede Unordnung schnell und leicht zu beheben ist. Das kostete einen fast nichts mehr. Man muss nicht viel nachdenken oder schwere Entscheidungen treffen, sondern nur noch machen. Das alles ermöglicht eine Grundordnung, bei der alles seinen festen Platz hat und die vorhandene Menge gut in Schränke und Regale passt.
3. Bewusster Konsum
Wenn wir zusammen aussortiert haben, verfügen ein feines Gespür, warum Sie einen Gegenstand behalten und einen anderen losgelassen haben. Das braucht ein bisschen Übung, aber der Effekt lässt nicht lange auf sich warten.
Stehen Sie später im Laden und nehmen Ware in die Hand, können Sie diese Erfahrungen abrufen und einordnen. Sie wissen zudem, was Sie zu Hause haben und wie viel davon. Auf dieser Grundlage gibt es keine Impulskäufe oder Fehlkäufe mehr.
Das war für mich wirklich erstaunlich: durch die Regale zu gehen und zu denken: »Brauch ich nicht!«, »Gefällt mir nicht!«, »Davon habe ich genug!«. Für mich ging das mit einem Gefühl von Freiheit einher. Für viele andere sicher auch.
Diese Nebenwirkung alleine zeigt schon, dass es sich auszahlt, in die eigene Ordnung investieren, indem Sie mich mit an Bord holen. Langfristig gibt man weniger aus, weil man sich bewusst entscheidet, was gekauft wird, vielleicht sogar in hochwertigere und langlebigere Produkte investiert.
Im größeren Kontext ergibt sich hieraus ein riesiges Potential an Einsparungen von Rohstoffen, Produktions- und Frachtkosten, von den positiven Nebenwirkungen für die Umwelt ganz zu schweigen.
4. Reduziertes Frustlevel
Eine weitere, positive Begleiterscheinung einer neuen Grundordnung: Weil alles seinen Platz hat, sucht man (fast) nichts mehr. Und Aufräumen wird ein Kinderspiel. Sie müssen auch nicht mehr überlegen oder entscheiden. Wir Menschen sind evolutionär darauf programmiert, möglichst ressourcensparend durchs Leben zu gehen, also oft den Weg des geringste Wiederstandes zu wählen. Im Haushalt könnte der darin bestehen, einen Gegenstand irgendwohin zu stopfen, Stapel vor sich hin wachsen zu lassen und Aufgaben zu ignorieren.
Entscheidungen zu treffen kostet uns mentale Energiepunkte. Und pro Tag haben wir nur ein bestimmtes Kontigent davon. Fun Fact: Das ist auch der Grund, warum berühmte Leute, vor allem Männer aus der Tech-Branche, von einem Shirt oder Anzug gleich mehrere identische Exemplare im Schrank hängen haben. Sie sparen in der Früh fürs Anziehen mentalen Energiepunkte für die wirklich wichtigen Entscheidungen des Tages.
Anziehen ist ein gutes Stichwort: Vielleicht sind Sie nicht der Typ, der jeden Tag das Gleiche anzieht. Aber wie wäre es mit einem Kleiderschrank, in dem nur noch Stücke zu finden sind, die Sie mögen, die Ihnen passen und dazu noch sehr gut stehen. Das können wir gerne gemeinsam umsetzen.
Auch Routinen und Gewohnheiten senken das Frust-Level deutlich, weil man eben über bestimmte Prozesse nicht mehr nachdenken muss, wenn diese gut funktionieren. Ich gehe zum Beispiel von der Küche ins Wohnzimmer und nehme Dinge mit, die ins Wohnzimmer gehören. Vielleicht mache ich noch ein Umweg in ein anderes Zimmer, wenn das nötig ist. Auf diese Weise erhöhe ich nicht nur meine Schrittzahl für den Tag, sondern sortiere fast nebenbei unsere Wohnung. Dazu muss man natürlich erst mal sehen, dass Dinge rumliegen, die da nicht hingehören.
5. Vorbildwirkung
Ich habe mich lange darüber gewundert, dass mein Mann oft genug nicht sehen kann, wie es bei uns aussieht oder dies scheinbar geflissentlich ignoriert. Bis mich eine Freundin auf eine Studie der University of Cambridge hinwies, in der Geisteswissenschaftler dieses Phänomen untersuchten. Danach sehen sowohl Frauen als auch Männer die Unordnung, aber ihre Reaktionen darauf unterscheiden sich: Frau sehen darin eine Aufgabe, während Männer den Zustand einfach nur zur Kenntnis nehmen. Sie werden dafür in anderen Bereichen aktiv. Das wiederum liegt an der geschlechterspezifischen Erziehung und Erwartungshaltung: Jungen werden seltener Aufgaben im Haushalt übertragen. Und so verhalten sie sich dann auch als Erwachsene.
Das heißt für mich aber, dass ich bei der nächsten Generation etwas anders machen kann. Herausforderung angenommen! Ich habe bereits einen ganzen Artikel dazu geschrieben, wie man Kindern beibringt, selbst aufzuräumen und ihre eigenen Sachen hin und wieder auszusortieren.
Die Vorbildfunktion spielt hier die Schlüsselrolle: Ich räume nicht besonders gerne auf, aber mag den aufgeräumten Zustand der Wohnung sehr. Offensichtlich haben mich meine Kinder darin beobachtet. Jetzt wollen sie mitmachen und mir helfen. Natürlich nicht immer. Aber immer wieder. Sie erkennen offensichtlich meine Strukturen und führen diese fort. Und auch mein Mann lässt sich immer mal wieder anstecken.
6. Saubermachen
»Ich habe mehrere Persönlichkeiten, aber keine von denen putzt gerne.« Genauso geht es mir. Allerdings liebe ich das Ergebnis nach der Reinigung.
Wichtige Voraussetzungen, um eine Wohnung leicht sauber zu machen, sind: (1) Man kommt überall gut hin, muss wenig schieben oder hochheben und (2) die letzte Reinigungsaktion ist noch nicht lange her, so dass sich in der Zwischenzeit nicht viel Dreck und Staub angesammelt hat. Im Hotel geht der Reinigungstrupp jeden Tag durch. Kein Wunder also, dass die Zimmer in der Regel tippi-toppi sind.
Putzen muss kein großer Akt sein. Die Kunst besteht darin, (1) möglichst wenig herumstehen zu haben. Das meiste befindet sich in Schuladen, Kisten oder hinter Schranktüren. Die Oberflächen und Böden sind größtenteils frei. Und (2) Regelmäßigkeit: In übersichtlichen Abständen mit Staubsauger und Lappen durch die Wohnung gehen, so dass sich keine Schichten bilden und sich alles leicht und mit nur minimalem Aufwand reinigen lässt. Da sind wir wieder bei den (mentalen) Energiepunkten.
7. Umzug
Den meisten graut es vor einem Umzug. Viele nehmen sich vor, in der kurzen Zeit bis zum Umzugstag noch mal schnell alles durchzusortieren und auszumisten. Es sind aber parallel noch so viele andere Dinge zu erledigen, dass für das Aussortieren am Ende keine Zeit bleibt und kistenweise Dinge umsonst in den vierten Stock geschleppt werden. Das ist auch der Grund dafür, warum in manchen Haushalten auch mehrere Jahre nach dem Einzug noch nicht ausgepackte Kisten zu finden sind.
Wer grundlegend gut sortiert ist, muss sich darum keine Gedanken machen. Plus: Die Ordnung basiert auf einem Ordnungssystem, was sich erfahrungsgemäß schnell einpacken und ebenso schnell wieder auspacken lässt. Zumindest dieser Teil des Umzugs wird easy.
Zieht man in eine kleinere Wohnung, ist eine (weitere) Reduktion vielleicht dennoch nötig. Weil aber schon einmal gründlich aussortiert wurde, ist man darin geübt. Vielleicht wissen Sie auch schon, welche Möbel Sie mitnehmen können und welche nicht. Dann ist Ihr Ziel, letztere bereits vor dem Umzug zu lehren und sich soweit zu reduzieren, dass alle Dinge auch in die Möbel passen, die Sie mitnehmen.
Bonus: Zeit und den Kopf frei haben für die wirklich wichtigen Dinge im Leben!
Alle sieben Vorteile zusammengenommen ergeben eine neue Freiheit von Lasten, die man im wahrsten Sinne des Wortes mit sich herumgeschleppt hat.
Freiheit, Leichtigkeit, Ruhe. Man hat wieder Energie, Zeit und den Kopf frei, um sich den wirklich wichtigen Dingen im Leben zu widmen.
Wie wäre das?!
Das Wichtigste zusammengefasst
Es geht los – endlich!!! Wie lange haben Sie darauf gewartet. Das ist der Anfang vom Ende Ihrer Kisten und Stapel und Ecken zum Verstecken. Sie merken deutlich, weil das Loslassen von Ballast Sie mental und physisch entlastet.
Aufräumen und Aussortieren gehen mit Leichtigkeit und dem Gefühl von Freiheit einher. Genau wie die Änderung Ihres Kaufverhaltens: Sie wissen was Sie haben und wertschätzen und Sie wissen, was Sie alles weggegeben oder gar weggeschmissen haben. Das passiert Ihnen nicht noch mal. Erstaunlich ist auch, wie viel weniger Sie Dinge suchen, weil alles seinen festen Platz hat.
Ihre Kapazität für tägliche Entscheidungen setzen Sie nun gezielt für Wichtigeres ein als für was Sie alles nicht anziehen können. Wie schön ist doch ein gut sortierter Kleiderschrank. Das Thema Wäsche-Routine haben wir noch gar nicht angesprochen.
Und dann stellen Sie fest, das Aufräumen – oder vielmehr Zurückräumen – plötzlich Spaß macht. Sogar Ihrer besseren Hälfte und Ihren Kindern. Wow. Na und Saubermachen erst! Sie sind noch nie so entspannt umgezogen (zumindest in Bezug auf das Ein- und Auspacken). Eine gute Grundordnung setzt Zeit und den Kopf frei.
Und mal ganz ehrlich: Eine solide Ordnung sollte nebenbei passieren können, sonst ist es wohl nur ein mehr oder weniger gut sortiertes Chaos.
Und nun? Lust auf positive Nebenwirkungen in Ihrem Leben?
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